Therapeutisches Bogenschießen

Gastbeitrag

Die Präzision aber auch die Mystik des Bogenschießens faszinieren viele. Ursprünglich eine der ältesten Jagdformen der Menschheit verwandelte sich das Bogenschießen mit der Zeit in ein vielversprechendes Medium in der Psychotherapie und zur Behandlung von psychischen Störungen. Das sogenannte therapeutische Bogenschießen hat zum Ziel die Aufmerksamkeit, die Achtsamkeit, die Konzentration und die Gelassenheit zu fördern. Es beeinflusst positiv das physiologische, neurophysiologische und psychologische Zusammenspiel von Denken, Fühlen und Handeln. Beim therapeutischen Bogenschießen stehen vor allem die psychotherapeutischen Aspekte im Vordergrund.
Das therapeutische Bogenschießen trägt zu der Beruhigung des gesamten körperlichen und psychischen Kreislaufes bei. Es verbessert den Umgang mit Kraft, kontrolliert Gefühle von Aggression, besonders in Fällen von nach innen gerichteter Aggressivität oder destruktiv-aggressiv beladenen sozialen Beziehungen.
Beim therapeutischen Bogenschießen geht es nicht primär um den Treffer in die Mitte der Zielscheibe. Dies kann natürlich ein erfreuliches Erfolgserlebnis sein. Aber der Umgang mit Misserfolg und die Bewertung dessen können durch das Medium Bogenschießen beobachtet, reflektiert und geändert werden. Dies kann wichtige Erfahrungen in der Selbsterkenntnis hervorbringen und u.a. hilfreiche Ideen für einen alternativen Umgang in der Stressbewältigung mitbringen. So kann z. B. erfahren werden, ob Miss-/Erfolge häufig internal oder external attribuiert, d.h. sich selbst oder äußeren Umständen zugewiesen werden. Dies geschieht äquivalent zum Bogenschießen dann meist auch in vielen anderen Situationen im Leben.
Ein entscheidender weiterer Aspekt ist die Dualität zwischen Anspannung und Entspannung. Durch das Spannen der Sehne, die geistige Anspannung vor dem Loslassen der Sehne und des Abschusses des Pfeiles und der völligen Entspannung nach dem Fliegenlassen des Pfeiles, kann die Dualität dieser beiden wichtigen Zustände intensiv erfahren werden. Auch im alltäglichen Leben geht es viel um Dualität, deren Wichtigkeit anhand des Bogenschießens gut verdeutlicht werden kann.
Während des Spannens des Bogens und der Fokussierung auf das Ziel kommt der Schütze ganz in den Moment – seine Konzentration richtet sich dann voll auf die Körperhaltung und das Erreichen des Ziels. Dadurch kommt es zu einer wichtigen Achtsamkeitserfahrung. Zusätzlich werden Zielstrebigkeit, Fokussieren und Konzentration gefördert, welches in Zeiten von Hektik und Unruhe sehr förderlich ist.
Auch die Körperhaltung während des Bogenschießens weist positive Effekte auf das allgemeine Wohlbefinden auf. Durch den geraden Stand und die Stärkung der Schulter- und Brustmuskulatur kann eine aufrechte Haltung gefördert werden, welche in den Alltag übertragen werden kann. Die Körperwahrnehmung kann durch das therapeutische Bogenschießen gebessert werden.
In der Klinik Friedenweiler findet das therapeutische Bogenschießen je nach Wetterlage im Innen- oder Außenbereich und mit professionellen Materialien statt. Die Teilnehmer werden über die richtige Körperhaltung und die psychologischen Effekte aufgeklärt. Während der Teilnahme werden sie dabei unterstützt, die körperlichen und psychologischen Aspekte des Bogenschießens für sich zu nutzen und bestenfalls auf Alltagssituationen zu übertragen. Dazu stehen Therapeut und Patient in direktem Kontakt. Besonders ist, dass die Teilnehmer erlebnis- und handlungsorientiert Erfahrungen machen, welche in der Therapie genutzt werden können. Förderung der Zielstrebigkeit, und auch die Auseinandersetzung mit Versagen und Erfolgsdruck sind Erfahrungen von denen viele Patienten schon nach wenigen Stunden berichten. Zusätzlich haben viele das Bogenschießen auch als Hobby für sich entdecken können, welches sie nach dem Klinikaufenthalt weiterführen wollen und auch einfach als eine schöne Beschäftigung für sich mitnehmen konnten.